Wozu brauchen wir eigentlich noch Geographieunterricht? Wider die subjektivistische Wende in der Geographiedidaktik
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Schlagworte

geographische Bildung, Raumproduktion, Bildungstheorien, kritisches Denken, gesellschaftliche Zielsetzungen

Zitationsvorschlag

Uhlenwinkel, A. (2022) „Wozu brauchen wir eigentlich noch Geographieunterricht? Wider die subjektivistische Wende in der Geographiedidaktik“, Zeitschrift für Geographiedidaktik - ZGD, 43(4), S. 285–301. doi: 10.18452/23296.

Abstract

Während in der anglophonen geographiedidaktischen Diskussion ernsthaft über eine deutliche fachdisziplinäre Orientierung des Unterrichts in Richtung von powerful knowledge nachgedacht wird, scheint sich eine jüngere Strömung der deutschen Geographiedidaktik selbst dort von fachwissenschaftlichen Ansätzen wegzubewegen, wo sie sich ihnen gegenüber positiv zu verhalten vorgibt. In dem Beitrag wird diese problematische Entwicklung an einem ausgewählten Beispiel exemplifiziert. Dabei wird gezeigt, wie eine fachwissenschaftliche Theorie, Henri Lefèbvres Theorie der Raumproduktion, auf unzulässige Weise verkürzt zur Grundlage von Unterrichtsplanung gemacht wird. Besonderes Augenmerk wird auf die Schritte der Umdeutung einer sich als marxistisch verstehenden Theorie zu einem subjektorientierten Ansatz gelegt. Ebenfalls untersucht werden die Auswirkungen dieser Herangehensweise auf die pädagogische und die gesellschaftliche Seite von Unterricht. Dabei stellt sich in Bezug auf die pädagogische Seite heraus, dass sie lediglich praxisfern auf Bildungstheorien bezogen wird und dass diese Bildungstheorien auf unerfindliche Weise mit der fachwissenschaftlichen Theorie korreliert werden, sodass der fachwissenschaftliche Ansatz letztendlich mit jeder Bildungstheorie kompatibel ist. Bezüglich der gesellschaftlichen Komponente erweist sich der verkürzte Ansatz als eher traditionell und affirmativ, und steht dabei in deutlichem Gegensatz sowohl zum eigenen Anspruch, kritischen Geographieunterricht zu ermöglichen, als auch zum ursprünglichen fachwissenschaftlichen Ansatz. Folglich erweist sich der Import von Ansätzen anderer Wissenschaften ohne Integration in geographisches konzeptuelles Denken als die einzige Leistung der neuen Zuwendung zur Fachwissenschaft. Damit allerdings ist weder dem Geographieunterricht noch der Geographiedidaktik geholfen. Ganz im Gegenteil wird beides existentiell in Frage gestellt.

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